Mischtechnik auf Leinwand 38 x 38 x 2 cm
U20 (2026) von Reinhard Riedel
Online seit 08.09.2026

#Malerei #phantastischer Realismus #Surrealismus #Porträt

Das Werk zitiert unverkennbar die Bildsprache Gustav Klimts – die goldgrundierte, ornamental strukturierte Fläche sowie die Kopfbedeckung mit fließendem Schleier erinnern an Klimts "Goldene Periode" (etwa an Werke wie die "Dame mit Fächer" oder Porträts der Wiener Secession). Diese Anspielung wird hier jedoch radikal gebrochen und in eine völlig andere Farb- und Materialsprache übersetzt.


Farbdramaturgie: Das zentrale Spannungsfeld


Der eigentliche Clou des Bildes liegt im Kontrast zwischen dem gedämpften, warmen Gold des Hintergrunds – strukturiert durch ein feines, an Klimts Musterungen erinnerndes geometrisches Relief – und der schockhaft grellen, fast psychedelischen Farbpalette von Kopfbedeckung und Schleier. Orange, Giftgrün, Rot und Türkis explodieren förmlich gegen die zurückhaltende Eleganz des Goldgrunds. Diese Kollision zweier völlig unterschiedlicher Farbtemperaturen und -intensitäten erzeugt eine bewusste visuelle Irritation.


Das Gesicht als ruhender Gegenpol


Inmitten dieser Farbexplosion bildet das Gesicht der Dargestellten einen bemerkenswert ruhigen Fixpunkt. In kühlem Türkis-Blau gehalten, mit sanften Modulationen zu Grün und warmen Akzenten an Lippen und Wangen, wirkt es fast wie eine eigene, in sich geschlossene Bildebene – nahezu wie eine digitale Farbfilter-Überlagerung auf einem fotorealistischen Antlitz. Der gesenkte, introvertierte Blick und die weiche Modellierung stehen im starken Kontrast zur aggressiven Musterhaftigkeit der Umgebung und verleihen der Figur trotz der chromatischen Extreme eine stille, fast melancholische Präsenz.


Techniken und Materialität


Auffällig ist die Vielschichtigkeit der eingesetzten Bildsprachen innerhalb der Kopfbedeckung selbst: Neben flächig-organischen Farbformen (die an Batik oder fließende Lasuren erinnern) finden sich klar konturierte, comic-artige schwarze Umrisslinien sowie – im rechten Bildbereich – feine, wellenartige Linienstrukturen, die changierend an Fingerabdrücke, Holzmaserung oder digitale Verzerrungseffekte denken lassen. Diese Linien wirken wie ein eigenständiges grafisches System, das über die freien Farbflächen gelegt wurde – eine Strategie der Schichtung, die auch im Motiv der geschälten Orange oder dem Wolfsporträt als charakteristisches Element wiederkehrt.


Konzeptuelle Lesart


Die Arbeit lässt sich als Kommentar auf die Digitalisierung und "Filterung" von Schönheit lesen: Das klassische, in Öl gemalte Porträtgesicht – zeitlos, ruhig, beinahe altmeisterlich in seiner Modellierung – wird von einer explosiv-künstlichen, fast durch Bildbearbeitungssoftware anmutenden Musterwelt bedrängt und teilweise verschlungen. Der Goldgrund als Symbol für Wert, Tradition und sakrale Erhabenheit (Klimt nutzte Blattgold auch mit Verweis auf byzantinische Ikonenmalerei) steht damit in Spannung zur grellen, fast profanen Gegenwartsästhetik des Kopfschmucks – eine mögliche Reflexion über den Umgang mit historischen Bildtraditionen im Zeitalter digitaler Bildmanipulation.

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