In extremer Nahsicht rückt das Werk das Innere einer spiralförmig geschälten Orangenschale ins Zentrum – ein bewusster Bruch mit der klassischen Stilllebentradition, die meist die makellose Außenhaut der Frucht zeigt. Vor dunklem, zurückgenommenem Fond entfaltet sich die Schale zu einer fast anatomischen Studie: die pergamentartige, halbtransparente Innenhaut mit ihrem eingetrockneten, gebräunten Rand, die schwammig-poröse weiße Albedo sowie die glatte, gesprenkelte Außenschale treten in einen dichten materiellen Dialog.
Das Werk entsteht in einer eigens entwickelten, mehrstufigen Schichttechnik, die Airbrush, Pastell, Aquarell und Öllasuren miteinander verbindet. Dabei folgt die Technikwahl einer materialgetreuen Logik: Aquarell bildet mit seiner lasierenden Transparenz die durchscheinende Innenhaut nach, während Öllasuren jene satte Farbtiefe erzeugen, die der Frucht ihre organisch-fleischige Präsenz verleiht. So entsteht eine Oberflächenvielfalt, die nicht allein aus präziser Beobachtung, sondern aus der gezielten physikalischen Eigenschaft jedes Bindemittels resultiert.
Das dramatische Streiflicht modelliert die Form aus dem Dunkel heraus und verstärkt die Spannung zwischen Vergänglichkeit und sinnlicher Formgebung – die Schale changiert zwischen organischem Fragment und einer fast körperlich-viszeralen Präsenz.
Identitätsschichten – Die Kunst von Reinhard Riedel In meinen Werken versuche ich, das komplexe Zusammenspiel zwischen menschlichen Emotionen, Identität und der natürlichen Welt zu beleuchten. Jedes Werk beginnt mit dem menschlichen Gesicht – einem Portal zur inneren Landschaft der Gefühle und Erfahrungen. Durch eine einzigartige Verschmelzung von Airbrush, Pastell, Aquarell, Öl und digitalen Techniken schaffe ich vielschichtige Oberflächen, die den Betrachter dazu einladen, über das Sichtbare hinauszuschauen und mit jedem Blick neue Tiefen zu entdecken. Wiederkehrende Motive – fragmentierte Masken, gespiegelte Gesichter und organische Elemente wie Blumen oder Tierformen – dienen als Metaphern für Transformation, Verletzlichkeit und die Masken, die wir tragen. Die taktilen Texturen und lebhaften Farbkontraste in meinen Gemälden sind nicht nur ästhetische Entscheidungen, sondern integraler Bestandteil der Erzählung und schaffen eine dynamische Spannung zwischen Realismus und Abstraktion, Vertrautem und Geheimnisvollem. Meine Kunst ist in der Handwerkskunst verwurzelt, aber sie ist auch eine Antwort auf die sich entwickelnden Möglichkeiten der zeitgenössischen Bildgestaltung. Durch die Kombination traditioneller und digitaler Methoden versuche ich, Werke zu schaffen, die sowohl zeitlos als auch unverkennbar von dieser Zeit geprägt sind. Jede Komposition ist eine Einladung: zum Nachdenken, zum Hinterfragen und zur Verbindung mit den universellen Geschichten, die uns alle verbinden.

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