Mischtechnik auf Leinwand 38 x 38 x 2 cm
U17 (2026) von Reinhard Riedel
Online seit 06.09.2026
Wertangabe: 600,00 €

#Malerei #phantastischer Realismus #Tiere

Bildaufbau und Präsenz


Das Werk zeigt den Kopf eines Orang-Utans in extremer Nahsicht, wobei der markante, tiefliegende Blick und die charakteristische Gesichtsform des Tieres das Format bis an den Bildrand ausfüllen. Die asymmetrische Bildwirkung – rechts im Schatten liegend, links stärker beleuchtet – verleiht dem Gesicht eine skulpturale, fast reliefartige Plastizität und erinnert an die kompositorische Nahsicht-Strategie, die bereits das Schimpansenporträt der Serie prägte.


Farbdramaturgie


Anders als bei den meisten Tierporträts der Serie ist hier keine naturalistische Fellfarbe erkennbar – stattdessen dominiert eine intensive, changierende Blau-Palette, durchzogen von leuchtend orangeroten Akzenten, die das charakteristische rötliche Fell des Orang-Utans nur noch am linken Bildrand in seiner ursprünglichen Farbigkeit zeigen. Diese radikale Farbverfremdung des Gesichts selbst erzeugt eine fast kühle, entrückte Wirkung, die im starken Kontrast zur warmen, natürlichen Fellfarbe am Rand steht – ein bewusster Bruch zwischen "verfremdeter" und "ursprünglicher" Tierdarstellung innerhalb ein und desselben Werks.


Die Augen als emotionaler Anker


Das linke, bernsteinfarbene Auge mit seinem präzisen Lichtreflex bildet den einzigen warmen, "lebendigen" Farbakzent im ansonsten kühl-blauen Gesicht und zieht dadurch die Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich. Das rechte Auge hingegen verschwindet fast vollständig im Schatten – nur ein kleiner Lichtpunkt deutet seine Präsenz an. Diese ungleiche Behandlung der beiden Augen erzeugt eine subtile Asymmetrie im Ausdruck, die dem Blick trotz der starken Farbverfremdung eine anhaltende Wachheit und Aufmerksamkeit verleiht.


Technik und Oberflächenbehandlung


Die Gesichtshaut ist mit dichten, feinen Linien und einer fast kristallinen, strukturierten Musterung überzogen, die an Frost, Risse in Eis oder mineralische Ablagerungen erinnert. Diese Textur unterscheidet sich deutlich von der weicheren, malerischeren Fellbehandlung anderer Arbeiten der Serie und verleiht dem Gesicht eine harte, fast versteinerte Oberflächenqualität. Die roten Linienakzente auf Stirn und Wange wirken dabei wie Adern oder Risse, die durch die blaue Oberfläche hindurchscheinen.


Interpretation


Die Verfremdung des Gesichts in Blau bei gleichzeitigem Erhalt der natürlichen Farbigkeit am Rand lässt sich als Bild eines inneren Zustands lesen – Kälte, Erstarrung oder emotionale Distanz, die sich über das eigentlich warme, ausdrucksstarke Wesen des Tieres legt. Der wache, bernsteinfarbene Blick durchbricht diese Erstarrung jedoch und behauptet eine ungebrochene innere Lebendigkeit.


Fazit


Ein technisch mutiges Werk, das durch die radikale Farbverfremdung und die kristalline Oberflächenstruktur eine neue, kühlere Ausdrucksdimension in die Serie einbringt und dabei zeigt, wie weit sich die charakteristische Bildsprache dieser Werkreihe experimentell dehnen lässt, ohne ihre emotionale Kernaussage – die Würde und Präsenz des tierischen Blicks – zu verlieren.

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